Wikipedia beschreibt Public Viewing als „…die Liveübertragung von Sportveranstaltungen oder andere Großereignissen auf Großbildwänden an öffentlichen Standorten wie Stadtplätzen, Straßenzügen, Einkaufszentren oder Gaststätten zum Zwecke des (in der Regel kostenlosen) Betrachtens in der Gemeinschaft anderer Anhänger (Fans).“. Nach und nach entdecken aber auch Kultureinrichtungen Public Viewing als Marketinginstrument für sich. Ein Fallbeispiel aus Bremen:
Theater goes Fußball…
…oder wie das Theater sich selbst inszeniert.
Als einen „zutiefst demokratischen Einsatz“, bezeichnete der Bürgermeister und Kultursenator Jens Börnsen das gestrige Experiment, die Oper durch Public Viewing bürgernah zu gestallten. Eine vor dem Theaterhaus aufgebaute Leinwand sollte die Premiere von „Rienzi“ nach außen tragen, um so den Menschen, die Interesse an der Oper zeigen, die kostenlose Teilnahme zu ermöglichen. Berührungsängste sollten dadurch abgebaut werden, neue Zielgruppen gewonnen. „An die Oper unkompliziert heranführen“, bezeichnete die Regisseurin Kathrin Wagner diese Prozedur.
Der Ansatz ist edel und lobenswert. Für einige Bremer, die – angesichts von Eintrittspreise bis zu 54 Euro – sich schlicht keine Eintrittskarte leisten können, ist es die Möglichkeit, am kulturellem Geschehen teilzunehmen. Auch wächst die Akzeptanz – pro Theater – in der Bevölkerung, wenn diese Kulturstätte, in die millionenschwere Steuersubventionen fließen, auch etwas den Steuerzahlern zurückgibt. Wer die großen Fußballübertragungen während der WM miterlebt hat, der weiß, dass derartige Events eine besondere, ausgelassene und freudig aufgeladene Atmosphäre haben können, was wiederum eine Chance bietet, das Elitäre, das scheinbar so Abgehobene, Entrückte der Oper in Frage zu stellen.
Die Auffassung des Theaterbetriebes Bremens, was Public Viewing sei und wie dies funktioniere, unterscheidete sich aber etwas von dem Bild, das man gemeinhin von derartigen Events hat. Die bis zu Tausend Zuschauer fanden drei kleine Filmleinwände, die am Gebäude des Theaters, in der Höhe des ersten Stocks, aufgespannt waren. Das gleiche Bild beim Ton! Die den Umgebungsgeräuschen gar nicht oder nur leidlich angepasste Lautstärke – Straßengeräusche übertönten regelmäßig den Ton der Darbietung -, erschwerte den Besuchern, dem Stück folgen zu können. Dieses wurde darüber hinaus zusätzlich erschwert, da stellenweise die Tonqualität nur als schlecht zu bezeichnen war! An ein gut sichtbares Laufband, an dem man zumindest den vorgetragenen Text hätte ablesen können, um so der Handlung folgen zu können, wurde erst gar nicht gedacht! Dass dann auch noch das gastronomische Angebot so gar nicht an ein weniger finanzstarkes Klientel angepasst erschien – zwischen den Bistrotischen und Bierbänken schlenderten schick gekleidete Kellner, welche nur feinste Weine und Tapas servierten – rundete dieses Gesamtbild ins Negative ab und es war dann auch nicht mehr verwunderlich, dass die überwiegende Mehrzahl des angereisten Publikums dieser Veranstaltung vorzeitig den Rücken zukehrte und nur noch wenige Hartgesottende bis zum Ende blieben.
Aber wie sieht Theater Bremen das Ganze? „Uns geht es nicht um einen Eventcharakter (…), es soll ein Stück Kunst sein (…), es ist ein feineres Format, dass nicht Massenaffin sein soll!“, sagte der Intendant Hans-Joachim Frey in der Pressekonferenz. „Das Theater Bremen ist glücklich den Bremern ein Geschenk der besonderen Art zu präsentieren!“, stand wochenlang auf der Internetseite des Theater Bremens. Das sind nicht die besten Voraussetzungen zu hoffen, dass diese doppelte Premiere als Lerngrundlage genommen werden soll, mit derartigen Events neue Besucher zu werben. (Quelle: kulturlabskaus.de, vom 12.10.2008)
Public Viewing ist eine der Möglichkeiten auf Interessenten schnell und unkompliziert zuzugehen und sie „auf der Straße“ abzuholen. Public Viewing ist aber nicht unumstritten. Neben den oben beschriebenen Problemen, liegt der Nachteil im Falle von Theateraufführungen, dass die komplexe, vom Regisseur geschaffene Atmosphäre zerstört wird. Euere Meinung zu diesem Thema ist herzlich willkommen.


Na, vielleicht ist Public Viewing etwas hoch gegriffen. Schließlich verursacht das immense Kosten und einen erheblichen Personaleinsatz.
Aber der Ansatz ist richtig, denke ich. Wie jeder erfolgreiche Drogendealer, so sollten auch Kulturinstitutionen das potentiell interessierte Publikum erst einmal anfixen. Muss ja nicht gleich mit dem teuersten Stoff sein.
Bezogen auf Oper und Theater reichen meiner Ansicht nach Standbilder in Broschüren und auf Plakaten nicht aus, um deutlich zu machen, was einen erwartet. Warum ersetzt man nicht die Standbilder, die wohl allüberall neben den Eingängen der Theater gezeigt werden, durch Videomonitore, die einen Eindruck von den Inszenierungen vermitteln so wie sie wirklich sind? Kurze Ausschnitte von 3-5 Minuten Länge mit Ton, die Lust machen, sich die ganze Chose einmal live anzusehen und anzuhören. Das wäre gut, oder? Und nicht einmal teuer, weil Videos ohnehin vorhanden sein dürften und ein paar Screens vielleicht sogar vom ortsansässigen Handel gesponsert werden könnten.
Ein Angebot für die Leute auf der Straße. Eines, das ihnen zeigt, dass das Theater kein Mausoleum ist, sondern ein Ort der Freude, wo außer Geist und Geistern auch Sang und Klang – und das Leben zuhause sind.
@Norbert/ Kulturlabskaus:
Wunderbarer Denk- und Diskussionsanstoß, vielen Dank!
Eigentlich eine nette Idee vom Theater Bremen, aber in der Durchführung in sich nicht stimmig und nicht zu Ende gedacht.
Wenn ich Theater nach außen tragen und die Leute “von der Straße” abholen will, kann ich nicht gleichzeitig betonen, dass ich hier absichtlich “nichts für die Massen” biete… (und das dann auch in den Preisen der Weine usw. ausdrücke).
Wen will das Theater denn ansprechen mit dieser Aktion? Die theateraffine Elite? Die sitzt ja eh schon im Theater drin, die wird trotz guter Weine nicht die Aufführung auf der Straße wählen, v.a. wenn die Tonqualität dann auch noch schlecht ist.
Außerdem wird es ja nicht im Sinn des Theaters sein, diese Leute wieder aus dem Theater zurück auf die Straße zu bringen, oder? Wäre ja widersinnig…
Also sollte als Zielgruppe schon eher eine weniger kulturell gebildete Schicht angesprochen werden (die meist auch weniger finanzkräftig ist), denen man das Theater somit schmackhaft machen kann.
Wie macht man das:
1 gute Übertragungsqualität
2 nette Atmosphäre und nettes Drumherum (und zwar so, dass es zur Zielgruppe passt!! keine sauteuren Häppchen, edlen Weine und schicken Kellner, sondern leistbare Snacks und Selbstbedienung…)
Noch ein kleiner technischer Hinweis an Dich, Norbert: Ich fände es schön, wenn Du Deinen O-Beitrag verlinken würdest (Du hast die Quelle ohne Link angegeben), und vielleicht auch die Internetseite des Theaters, (noch besser: die Unterseiten,von denen Du die Zitate hast), dann kann man sich gleich selbst ein Bild davon machen und muss nicht lang googeln dafür…
@Jörn:
Gute Idee!
Eignet sich meiner Meinung nach für alle Kultureinrichtungen. Auch Museen könnten in kurzen Ausschnitten zeigen, was da drinnen passiert (vielleicht Sequenzen von Führungen), ich denke, das könnte helfen
-die Hürde vieler weniger Kulturgeübter abzubauen, das Haus zu betreten
-Neugier schüren, Appetit machen
Solche Screens könnten auch außerhalb der Einrichtung aufgestellt werden. Sponsoren müssten schon zu finden sein, die Flächen als „Werbefläche“ dafür zur Verfügung stellen.
Und wenn man die Kurzfilme nicht als Werbefilme, sondern als Kurzfilme zur Bereicherung der kulturellen Vielfalt einer Stadt konzipiert, dann umso mehr…
@Karin
Die Zitate gibt es nicht in der Presse, sie wurden von mir während der Pressekonferenz aufgenommen. Die Lokalpresse hat sich lustigerweise völlig andere Zitate ausgesucht, was kein Wunder ist wenn man bedenkt, dass sie draussen nicht anwesend waren. Da mich die für das Theater relativ neue Form der Eventveranstaltung interessiert hat, habe ich mich nicht für die Vorstellung akkreditieren lassen und bin nach der Pressekonferenz zum Public Viewing gegangen. Es hat sich gelohnt
Das Theater Bremen feierte natürlich dieses Ereignis als vollen Erfolg, weswegen eine Verlinkung in diesem Beitrag keinen Sinn macht. Den Originalbeitrag habe ich jetzt verlinkt.
Es freut mich, dass Euch das Thema interessiert, ich warte noch ein bisschen ab und versuche dann ein Resümee zu erstellen.
@Norbert
Ist ja noch besser, dass Du dort direkt dabei warst und live mitgekriegt hast,
1. wie sich das Theater in der Pressekonferenz dazu äußert
2. wie sich das Ganze dann für`s Publikum darstellt…
In der Pressekonferenz und auf der Internetseite wurden wohl die schlechte Qualität, der Strassenlärm und die mangelnde Einstellung auf die Zielgruppe nicht erwähnt
Noch was zu Deinem Post:
Du schreibst: “Neben den oben beschriebenen Problemen, liegt der Nachteil im Falle von Theateraufführungen, dass die komplexe, vom Regisseur geschaffene Atmosphäre zerstört wird.”
Ja, aber es gibt ja schon seit Jahr und Tag Fernsehübertragungen von Kulturereignissen (Theater, Opern, Konzerte), und wir gehen auch nicht jedes Mal in ein Live-Konzert, wenn wir Musik hören wollen. Das meiste hören wir auf Platten / CD´s / MP3`s /Radio…
Es ist doch jedem klar, dass z.B. die Musik aus der Konserve nicht dasselbe wie ein Live-Erlebnis ist, und trotzdem hat sie ihre Berechtigung und kann parallel existieren – und Appetit darauf machen, die Band oder das Orchester auch live zu erleben…
Da hast Du zwar Recht, dabei werden aber meiner Meinung nach andere Ziele verfolgt. Die Übertragungen haben eher dokumentarischen Wert und/oder die Verbreitung über das Einzugsgebiet hinaus. Das Publikum sind die “üblichen Verdächtigen”. Ich habe noch nie gehört, dass ein Nicht-Theater-Gänger gesagt hat: “Ich habe mal zufällig in die Aufführung von … reingezappt und mich hat es total fasziniert/gebunden”.
Beim Public Viewing wird ein anderes Erlebnis generiert. Psychologen reden von einer “Anteilnahme an identitätsstiftenden Großereignissen” und dass ist ein krasser Gegensatz zu dem, doch in der Regel kameralistischen Ansatz der Theatermacher.
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