Eine gut funktionierende Infrastruktur, zu der auch die entsprechenden Geschäftslokale und Dienstleister gehören, sind die Voraussetzung dafür, dass eine Stadt bzw. ein Stadtteil sich entwickeln kann. Was passiert, wenn diese Geschäfte plötzlich nicht mehr existieren, kann man immer wieder erleben. Die Gegend wird unattraktiv und damit setzt sich eine Abwärtsspirale in Gang, die nur schwer wieder zu stoppen ist.
Auf der anderen Seite ist es eine Tatsache, dass wir in vielen Museen immer nur die Spitze des Eisbergs in den Ausstellungen sehen. Unzählige Kunstgegenstände lagern in den Depots, ohne Chance, jemals von uns entdeckt zu werden.
Bernd Röthlingshöfer hat auf seinem Blog eine interessante Idee entdeckt, die Möglichkeiten eröffnet, beide Probleme gleichzeitig zu lösen. In seinem Blogpost “Was tun gegen leerstehende Ladenlokale? Curiosity Shops einrichten!” berichtet er von einem Projekt aus England. Dort zieren nicht mehr leere Plakate aufgelassene Geschäftslokale, sondern originelle Wanderausstellungen von Museen. Wie so etwas aussehen kann, beschreibt ein Artikel auf 24HourMuseum, der Bernd Röhtlingshöfer zu seinem Beitrag inspiriert hat.
Curiosity Shops gibt es in England zwar schon seit einiger Zeit, bis zu uns hat sich die Idee leider noch nicht herumgesprochen. Ich gehe hier in Wien fast jeden Tag an einigen Lokalen vorbei, die leerstehen und darauf warten, wieder genutzt zu werden. Wäre das nicht mal was?



Finde ich großartig!
Auch in Berlin gibt es sehr viel Leerstand, ich kenne einige spannende Projekte, die Leerflächen zwischennutzen (z.B. Nachbarschaftsgärten, Kulturinitiativen, Projekte mit Kindern und Jugendlichen), aber so etwas wie Wanderausstellungen ist mir hier noch nicht untergekommen…
Ja, da ließe sich, denke ich, einiges machen. Mal sehen, ob ich hier in Wien nicht die richtigen Personen zusammen spannen kann.
In Linz gab es schon mehrere Kunstprojekte, die das Thema Leerstände aufgreifen z.B. http://www.backlab.at/hp/tag/leerstand/ oder von seiner Geschichte her auch das Pixelhotel http://www.pixelhotel.at/, ein Linz09-Projekt. Es gibt auch eine Recherche-Gruppe von KünstlerInnen, die Leerstände recherchieren. Was fehlt, ist eine strukturelle Unterstützung bzw. zumindest Anlaufsfinanzierung. Insofern finde ich es interessant hier auch Museen als mögliche Player zu sehen, die sowas machen bzw. unterstützen könnten.
hatten wir hier schon mal….so ähnlich
http://ladenhueter-viernheim.de/
meine Aktion dazu
http://mikelbower.de/ladenhueter
und das hat dauerhaft dazu geführt. Kunshaus in einer ehemaligen Bank
http://kunsthaus-viernheim.de
Ich bin da skeptisch, weil so etwas sehr teuer werden kann: Hochwertige Exponate müssen transportiert und dazu noch extra versichert werden. Die Lokale selbst müssen den Anforderungen und Auflagen zum Feuerschutz u. ä. genügen.
Auch die Lichtverhältnisse mögen nicht immer optimal sein, so dass bei der Beleuchtung oder dem Sonnenschutz nachgerüstet werden muss. Dazu muss eine ständige Aufsicht organisiert (und bezahlt) werden.
Deshalb meine Empfehlung aus betriebswirtschaftlicher Sicht: In Einzelfällen ist das sicher eine gute Idee, ansonsten aber müssen die Museen zusehen, dass sie die Leute in ihre Stammhäuser bekommen. Es ist nicht Aufgabe von Museen, die Leerstände im Einzelhandel als Problem anzugehen.
Noch ein Hinweis meinerseits: Es ist hilfreich sich für ein solches Projekt mit den jeweiligen Wirtschaftsreferenten einer Stadt zu unterhalten. Diese haben den besseren Kontakt zu Immobilienfirmen, denen die Leerstände gehören. Kulturämter haben sich da eher als nicht in allen Fällen hilfreich erwiesen. Dort ist auch das städtische Interesse größer, das möglichst wenig Leerstand im Stadtbild zu erkennen ist.
@andrea: hier in Wien gibt es für die Revitalisierung einzelner Stadtteile Geldmittel. Als Ansprechpartner müssten also die einzelnen Bezirke bzw. die Wirtschaftskammer in Frage kommen. Das deckt sich dann auch mit dem, was Burkhard auch rät, die wahrscheinlich nicht nur die Leerstände kennen, sondern solche Projekte auch fördern könnten.
@mikel: super Beispiel, danke. So oder so ähnlich stelle ich mir das vor. Und nachdem wir ja das Rad nicht immer neu erfinden müssen, ist es fein, wenn man dann z.B. hier in diesem Blog von solchen Beispielen erfährt.
@Matthias Schwenk: Ja klar, diese Aspekte gilt es zu berücksichtigen. Ich denke aber, dass man in solchen Geschäften gar nicht unbedingt Exponate ausstellen sollte, die so wertvoll sind, dass der versicherungstechnische Aufwand groß wird, sondern eher Appetizer für die “richtige” Ausstellung im Museum selbst.
Der Reiz dieses Idee liegt ja darin, dass man mit ihr mehrere Ziele erreichen kann. Werbung für die Museen, Belebung eines Bezirks und eine damit einhergehende Steigerung der Attraktivität des Viertels. Die Kosten könnten sich Politik, Wirtschaft und Museum bzw. Museen teilen.
Das oben beschrieben Objekt war tatsächlich ein Projekt der Wirtschaftsförderung, vom Bürgermeister angestoßen. Die Exponate waren auch und gerade Originale, die speziell von den Künslern dazu geschaffen wurden.
2 Klappen: Leerstände wurden aufgezeigt, Künstler hatten Podium!
@mikel: genau, so könnte der Ansatz aussehen und vor allem: alle haben etwas davon!
In New York hat sich das ganze schon organisiert: http://www.smartspaces.org/
Dieser Beitrag lässt mich erinnern die Großstadthappenings der „mobilen Künstler in Ulm“, die 1988 eine Kunstmetzgerei einen Monat lang betrieben und innen und aussen einen Fleischerladen total bemalten und zum skurilen Gesamtkunstwerk machten, bevor er dann der Abrissbirne zum Opfer fiel. Ein anderes Haus mit Laden im Parterre, ganz in der Nachbarschaft gelegen, wurde parallel zur Kunstmetzgerei für denselben Zeitraum von einer “mobilen Künstlerin” zum Gesamtkunstwerk gestaltet.
Für diese beiden Objekte zum Beispiel wurde von der Stadt Ulm eigens noch einmal die bereits abgeklemmte Stromversorgung aktiviert und der gekappte Frisch- und Abwasser-Anschluss wiederhergestellt.
Die mobilen Künstler Ulm machten noch viele Aktivitäten, darunter den “Ulmer Tag” in Jena zum 1. Mai 1990 (!), an dem knapp 80 “Mobile Künstler” teilnahmen, mit Konzerten auf öffentlichen Plätzen und einer “Hinterhofausstellung” (Graffiti auf Mauerwerk und großformatige Malerei auf Leinwand). Später wurde die Idee, leerstehende Ladenlokale zu bespielen, von KünstlerInnen im nahe Ulm gelegenen Langenau wieder aufgegriffen.
Solche Aktivitäten sind aber ja gar nicht so selten. Beim Googeln bin ich zum Beispiel unter dem Suchbegriff “Kunst im Laden” auf das http://hgv.web-profi-ruhr.de/Zeitungen2.pdf gestoßen. Steht gleich an fünfter Position.
Ich bin sicher, da findet sich noch (viel) mehr.
Super, danke! So macht diese Ideenbörse richtig Sinn! Crowdsourcing in Reinkultur…
Ich denke, mit Hilfe der Links bzw. Informationen lassen sich die jeweils passenden Konzepte entwickeln. Mal sehen, ob sowas in Wien auf Interesse stößt. Die leeren Geschäftslokale muss man jedenfalls nicht suchen.
[...] der Ideenbörse für das Kulturmarketing greift Christian Henner-Fehr eine Idee von Bernd Röthlingshöfer auf: In seinem Blogpost “Was [...]
@Luise: Das Konzept “Kunstnutzung vor Abriss” hatten wir in Berlin auch bis vor Kurzem: nämlich in so einem nebensächlichen Gebäude namens Palast der Republik, das mal das Parlament eines inzwischen untergegangenen Staates beherbergte
Als Westberliner Göre bin ich da zum ersten Mal drin gewesen, als das Gebäude schon entkernt war und Kunst in den nackten, dunklen Hallen hing. War einfach großartig (alles was danach kam in Bezug auf dieses Gebäude dann nicht mehr so, aber das ist eine ganz andere Diskussion).
Vom Hörensagen weiß ich, dass die Zwischennutzung leerer Läden durch Künstler in der Stadt Karlsruhe auch praktiziert wird. Die Stadt arbeitet mit der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe zusammen und die Studis können dann diese Läden temporär für Konzerte, Ausstellungen, Performances und ähnliches nutzen. Gerade das Einbinden der jungen Künstler gefällt mir sehr gut an dieser Idee.
Ich hätte nie gedacht, dass es da bereits so viele Aktionen in Deutschland gibt. Nur, wenn niemand davon weiß, dann bringen all diese Ideen ja nichts. Da ließe sich dann vielleicht noch viel mehr machen.
[...] heißt es in einem Newsletter von Fiftitu%. Das Konzept klingt spannend. Jedes Jahr sucht sich der Verein mit Sitz in Wien neue Räumlichkeiten und präsentiert dort junge KünstlerInnen. Neben diesen Räumen, die das ganze Jahr hindurch genutzt werden, gibt es außerdem sogenannte Satellitenprojekte. Als Satelliten werden leerstehende Räumlichkeiten oder Bereiche im Freien bezeichnet, die den KünstlerInnen für eine begrenzte Zeit zur Verfügung gestellt werden. Ein Ansatz, der sehr spannend ist und mich an die Idee erinnert, leere Geschäftslokale als “Auslage” für z.B. Museen zu nutzen. [...]